Es war eine Sensation: 1740 kam ein junges Panzernashorn, in Indien geboren und dort von einem niederländischen Kapitän gekauft, in Rotterdam an. Auch wenn es in der höfischen Gesellschaft des Barock ein großes Interesse an exotischen Tieren und Pflanzen gab, hatte Mitte des 18. Jahrhunderts kaum jemand schon mal ein leibhaftiges Rhinozeros gesehen.
Viele Tiere, die aus fernen Ländern nach Europa gebracht wurden, überlebten die Reise nicht, aber das erst zweijährige Nashorn erwies sich als robust: Der Kapitän gab die Seefahrt auf und zog fortan mit dem Clara genannten Tier durch Europa: Berlin, Hamburg, Breslau, Rom, Straßburg, Paris, London und Basel gehörten zu den Stationen, auch Leipzig und Dresden, wo ein Modell für die Meißner Porzellanmanufaktur erstellt wurde. Am Hof Ludwigs XV. in Versailles fertigte Jean-Baptiste Oudry (1686–1755), Hofmaler des Monarchen, das lebensgroße Porträt der „Jungfer Clara an: mit 5 x 3,50 Metern ein wahrhaft monumentales Gemälde. Dieses wiederum erwarb 1750 Herzog Christian Ludwig II. zu Mecklenburg für das Bildprogramm der fürstlichen Menagerie.
1758 endete die Lebensgeschichte des bengalischen Nashorns, aber in der Kunst lebt Clara weiter – auch in dem Bilderbuch der Autorin Sylvia Völzer und der Illustratorin Ursula Kirchberg. Mit viel Fantasie und Witz greifen sie Oudrys Gemälde auf und erzählen, wie das Bild zurück nach Schloss Ludwigslust kommt, wo sich die weitverzweigte Mäusefamilie rund um die kleine Rosa noch gut an Clara und an die Zeit erinnern kann, als das Bild schon einmal im Schloss war. Zu Rosas Überraschung klettert Clara aus ihrem Rahmen – aber wenn die Menschen sie entdecken, gibt es bestimmt ein Riesengeschrei …! Eine gute Idee von Rosa und eine blitzschnelle Strick-Aktion der Mäuseverwandten später kann die schüchterne Clara sich im Schloss umschauen – und hat mit der pfiffigen Rosa zum ersten Mal eine richtige Freundin. Ein lustiges Bilderbuch für kleine Tier- und Kunstfreunde ab sechs Jahren.